Neue Artikel:

Ein Zwischendurchgedanke über Corona und Seelsorge

„Die Kirchen haben sich aus Überzeugung in die gesellschaftliche Gesamtverantwortung eingebunden, eben weil der Gesundheitsschutz an erster Stelle steht.“ (Dompropst Rolf- Peter Cremer im Interview mit den Aachener Nachrichten 22.4.2020)

„Seelsorge ist die Muttersprache der Kirche.“ (Steffen Reiche in der „Zeit“ vom 16.4.2020)

Kirche hat den Menschen ein Treueversprechen zu geben. Menschen, wir stehen an eurer Seite, so ihr es denn wollt, und lassen euch nicht alleine. Das tun wir in guten und in schlechten Tagen.

In den vergangenen Wochen sind etliche Menschen in Isolation und alleine gestorben. Angehörigen wurde der Zugang zu ihren Familienmitgliedern verwehrt. Seelsorger und Seelsorgerinnen finden wenn überhaupt nur schwerlich Zugang in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Alte und kranke Menschen gelten als Risikogruppen. Die Diskussion um die Öffnung des gesellschaftlichen Lebens wird an ihnen vorbei geführt. Sie haben sich, so heißt es momentan, auf längere Isolierung einzustellen.

Menschen, die in der Seelsorge stehen, und auch Pflege- und Krankenhauspersonal, berichten von herzzerreißenden und dramatischen Zuständen in den isolierten Häusern.Dementielle Menschen verlieren ihre letzten Strukturen, jetzt wo die vertrauten Besuche ausbleiben. Bettlägerige stellen ihre Nahrungsaufnahme ein und begehen ihre Art von Suizid. Heimbewohner verleben ihre Zeit isoliert von anderen Heimbewohnern und legen ein Verhalten an den Tag, das man nur von in Zoos eingesperrten Käfigtieren kennt. Und die Pflegenden, die oft mit Herzblut für ihre ihnen betrauten Menschen sich einsetzen, verzweifeln über das, was sie da sehen. „Es ist ein Totensaal“, sagte eine Einrichtungsleiterin.

Die Isolationsregelung hat aber auch außerhalb der Einrichtungen verheerende Wirkungen. Da stirbt ein 38jähriger Mann, Vater von 2 Kindern, zu Hause am Coronavirus. Er läßt sich nicht im Krankenhaus behandeln. Da stirbt die 67jährige Frau auch zu Hause. Ärztin und Angehörige betteln sie an, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Sie will es nicht, weil sie Angst hat, alleingelassen zu sterben. Natürlich kann man solche Fälle hochintellektuell ausdiskutieren. Aber das verscheucht nicht die Angst, die sich in den Seelen vieler „Risikogruppen“ breit macht.

Kirche verspricht den Menschen ihnen in Notzeiten nahe zu sein. Aber was tut sie dafür in dieser angstbesetzten Zeit?
Selbstverständlich müssen Schutzmaßnahmen erstellt und eingehalten werden. 
Aber es geht auch um die Beantwortung der Frage: Was braucht der kranke Menschen, der altgewordene Mensch, der hilflose Mensch in der Isolation? Mediziner und Pflege- und Betreuungspersonal werden ausgerüstet mit Schutzvorrichtungen, so dass sie den Menschen medizinisch beistehen können. Für seelsorgende Menschen werden solche Schutzausrüstungen, die eine seelische Begleitung von Menschen in der Isolation ermöglichen würde, äußerst selten zur Verfügung gestellt.
Dass staatliche Anordnungen die ganzheitliche Sorge um den Menschen nicht immer auf dem Schirm haben, das kann ja noch durchgehen. Dass aber Kirchen hier nicht protestieren, bei Ministerien vorstellig werden und in der Öffentlichkeit darüber laut reden- das erschreckt. Erst hat die Politik es versäumt, Schutzausrüstungen für Heime und Krankenhäuser in genügender Anzahl zu bestellen. Jetzt wird dieser Mangel ausgeglichen durch Abschottung. Und Kirche schweigt dazu. Stattdessen wurde in etliche Osterpredigten dazu aufgefordert für die zu beten, die allein sterben. Nein! Dieser skandalöse Umgang mit hilflosen Menschen kann nicht einfach weg gebetet werden. Diese menschenunwürdigen Umstände müssen beseitigt werden, selbst wenn Kirche Geld in die Hand nehmen müsste und in ihren zahlreichen Einrichtungen seelsorgende Menschen so mit Schutzausrüstungen ausstattet, dass sie für die Menschen da sein können.

„Wir sind nicht in der Hand von Corona, sondern von Gott“ (Hans Stiegler).   
Das sollte für Kirche ein selbstverständliches Credo sein.

Ihr Ralf Lüddens